Der Haken an Reformen
Reformismus vs. Abolitionismus – Ein permanenter Zankapfel der Fürsprecher des Veganismus
TL;DR
Der Reformismus konzentriert sich auf die Verbesserung der Bedingungen der Tierausbeutung; der Abolitionismus auf die Forderung, die Tierausbeutung zu beenden. Kritik: Reformen könnten das Grundproblem verschleiern, die Industrie stabilisieren und das Unrecht indirekt legitimieren. Da klare empirische Belege fehlen, plädiert die abolitionistische Position dafür, sich am prinzipiell Richtigen zu orientieren und die ungerechte Nutzung von Tieren konsequent abzulehnen.
Als der neuzeitliche Tierschutz Ende des 18. Jahrhunderts entstand, vergingen nur wenige Jahrzehnte, bis radikalere Positionen das zentrale Mantra des Tierschutzes herausforderten: Der Mensch habe das fast schrankenlose Anrecht darauf, Tiere für seine Ernährung, Kleidung, Unterhaltung, Arbeiten etc. zu nutzen, aber sie sollten im Rahmen ihrer ‚Verzweckung‘ möglichst gut behandelt werden; das Problem sei nicht das Dass, sondern das Wie, weswegen Reformen im Mittelpunkt standen und stehen.
Die Gebrechen dieser Grundhaltung waren so offensichtlich, dass radikalere Positionen seitdem in einem erheblichen Umfang an Bedeutung gewonnen haben und selbst im ‚Mainstream‘ umfassend diskutiert werden. Eine Begleiterscheinung dieser Entwicklung war die Entstehung einer modifizierten Tierschutzposition, die zwar zugesteht, dass die radikaleren Positionen sachlich richtig liegen würden, aber daran festhält, dass das Fördern von Reformen zentral bleibe. Es sei nicht damit zu rechnen, dass ein rascher Wandel stattfinde, weswegen es wichtig bleibe, den verzweckten Tieren ihre Lebensbedingungen so gut wie möglich zu gestalten. Reformistische Bestrebungen werden als hilfreiche Schritte auf dem Weg zur Abschaffung der Nutzung von Tieren zu Ernährungszwecken usw. betrachtet, die das eigentliche Ziel darstelle.
Obgleich sich der Tierschutz also teilweise auf prinzipieller Ebene radikaleren Positionen angeglichen hat, entstand ein neuer Anlass zur Abgrenzung: der strategische Blickwinkel. Denn die Annahme, dass das Fördern von Reformen seitens der Fürsprecher der Tiere einen wertvollen Beitrag zu einem grundsätzlichen Wandel der Mensch-Tier-Beziehung leiste, erschien mitnichten allen plausibel. Das Ausmaß der Uneinigkeit war viel eher so groß, dass sich themenbezogene Organisationen bis heute oft zwei strategisch entgegengesetzten Lagern zuordnen lassen. Während sich das eine Lager schwerpunktmäßig für schrittweise Veränderungen einsetzt (Reformismus), tritt das andere Lager ganz direkt und zumindest nahezu ausschließlich mit der Forderung auf, dass unsere gegenwärtige Verwendung von Tieren zu Ernährungszwecken usw. zu enden hat (Abolitionismus, lat. abolitio: Abschaffung).
Die entscheidende Frage lautet nun: Was sind die Argumente gegen Reformismus-Bestrebungen durch Fürsprecher der Tiere?
An erster Stelle ist zu betonen, dass es den Abolitionisten nicht darum geht, zu bestreiten, dass es besser ist, wenn ein Huhn ‚nur‘ noch 10 statt 15 Stunden am Tag leidet. Abolitionisten werfen lediglich die Frage auf, ob es den Tieren gegenüber angemessen bzw. gerecht oder ob es überhaupt hilfreich ist, als ihr Fürsprecher selbst reformistisch aufzutreten.
Mit der Beseitigung dieses gerne genutzten Strohmanns ist nun der Weg dafür frei, sich dem zu widmen, worum es tatsächlich geht. Hierzu ist es notwendig, zu verstehen, mit was für einer Form von Behauptung wir es zu tun haben. Wer behaupten möchte, dass reformistische Bestrebungen der richtige Weg sind, um Tieren zu helfen, tätigt damit eine Aussage darüber, wie sich Dinge in der Welt verhalten. Das heißt: Wir haben es mit einer Behauptung zu tun, die sich empirisch überprüfen lässt, also auch empirisch zu untermauern ist.
Auf das Einfordern von Evidenz ließe sich lediglich dann verzichten, wenn sich selbst trotz eines skeptisch-rationalen Blicks nicht einmal plausibel machen lässt, wie eine solche Behauptung unvernünftig bzw. falsch sein sollte. Wer behaupten möchte, dass es für den Zustand einer Porzellan-Büste nicht zuträglich ist, sie auf einen harten Untergrund fallen zu lassen, wird wohl zu Recht der Beweisführung entbunden sein. Doch haben wir es hier mit solch einem klaren Fall zu tun?
1.) Auch wenn es lediglich eine Korrelation ist, bei der andere Einflussfaktoren nicht übersehen werden dürfen, ergibt sich ein erster Anlass zum Zweifeln schon aus der Tatsache, dass ‚westliche‘ Gesellschaften über 150 Jahre Tierschutz hatten und das Elend der Tiere parallel in Summe immer größer wurde, während wir nun bereits nach einigen Jahrzehnten Tierrechtsbewegung und systematischer Tierethik deutliche Umbrüche beobachten können. Könnte es nicht sein, dass genau der fehlende ‚ethische Ernst‘ des Tierschutzes es verhinderte, dass Menschen das Anliegen auch wirklich ernst nehmen?
2.) Zum Problemkreis des fehlenden ‚ethischen Ernsts‘ gehört darüber hinaus auch der Aspekt, dass Tierschutzkampagnen Tiere zu ‚Opfern zweiter Klasse‘ degradieren: Obgleich sich kein ethisch ausreichend relevanter Unterschied zwischen Mensch und Tier identifizieren lässt, setzen Tierschutzkampagnen auf Etappenziele, die wir im Humanbereich als empörend und völlig inadäquat empfinden würden. Man stelle sich vor, dass eine Schule einem Mobbingopfer dadurch helfen möchte, die mobbenden Kinder zu einem etwas sanfteren Mobbing zu motivieren und die Anzahl der Fälle von 10 auf 5 je Woche zu reduzieren. Kritiker haben insofern einen Punkt, wenn sie entsprechende Tierschutzkampagnen als ‚Speziesismus‘ sowie als Verrat an den Tieren einstufen, und es ist schlicht nicht möglich, einzuschätzen, welche (teils sicher auch subtile) Auswirkungen es kurz- und langfristig hat, wenn nicht einmal die Fürsprecher der Tiere ihre ‚Schützlinge‘ wirklich ernst zu nehmen scheinen.
3.) Noch immer zum Problemkreis fehlender ‚ethischer Ernst‘ gehört insofern auch der Kritikpunkt, dass ein Fokus auf Reformen den falschen Eindruck bestärkt, dass es um das „Wie“ und nicht um das „Dass“ ginge. Reformbestrebungen lassen die grundsätzlichere Gerechtigkeitsfrage aus dem Fokus geraten, was schon allein vor dem Hintergrund endlicher Ressourcen (insbesondere Zeit) als bedenklich erscheinen kann.
Wie weit die Degradierung zum Opfer zweiter Klasse gehen kann, illustriert unter anderem die Albert-Schweitzer-Stiftung immer wieder eindrücklich:
Wie würden wohl die Reaktionen ausfallen, wenn eine Organisation gegen häusliche Gewalt dazu aufrufen würde, doch mal eine Ich-schlage-meine-Frau-nicht-Woche auszutesten? Kein Verzicht – sondern eine echte Bereicherung!
Und wie würde es wohl ankommen, wenn wir im Humanbereich gegen Mord argumentierten, indem wir auf die gesundheitlichen Risiken für den Täter oder auf die Emissionen der Ermittlungen hinwiesen?
4.) Es ist stets möglich, zu viel, aber auch zu wenig zu fordern, zu wenig Handlungsbedarf zu kommunizieren. Wo sich Tierschutzkampagnen jeweils auf diesem Spektrum bewegen, lässt sich kaum abschätzen. Würde ein härteres Auftreten nicht manchmal mehr bewegen? Oder wird teilweise zu viel gefordert, sodass gar nichts passiert?
5.) Wer sich auch nur etwas häufiger mit ‚Nicht-Veganern‘ unterhält, weiß sehr genau, in welchem Umfang sich Menschen damit beruhigen, dass die Tiere, die für ihre Ernährung herhalten mussten, schon irgendwie recht ‚anständig‘ behandelt wurden (der berühmte Metzger oder Bauer von nebenan, bio etc.). Es ist insofern zu befürchten, dass Reformen dazu beitragen, das Gewissen der Konsumenten wieder zum Schweigen zu bringen, die Ausbeutung von Tieren also wieder zu stabilisieren. Reformen, so der Vorwurf, führten letztlich primär dazu, dem Kunden ein gutes Gefühl zu geben, während sich für die Tiere herzlich wenig verbessere. Es ist zu fragen, warum die Industrie selbst so gezielt mit Tierschutz- und ‚Tierwohl’maßnahmen wirbt, wenn dieser Vorwurf nicht zutrifft.
Dass derartige Verbesserungen seitens der Industrie das Ziel haben, die Tiernutzung zu Ernährungszwecken usw. langfristig zu erhalten, vermag auch die Tatsache zu verdeutlichen, dass genau über solche Reformen gesprochen wurde, als der Wissenschaftliche Beirat für Agrarpolitik dem Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft sein Gutachten vorlegte, das 2015 unter dem vielsagenden Titel „Wege zu einer gesellschaftlich akzeptierten Nutztierhaltung“ erschien.
Wenn selbst die Agrarlobby und das an einer ‚Nutztier’haltung interessierte BMEL Reformen als Weg zur Stabilisierung der Tierausbeutung betrachten: Welches Argument möchten Vertreter des ‚neuen Tierschutzes‘ noch präsentieren, um diese Sorge zu bagatellisieren? Fälle, in denen Menschen zum Konsum von Tierischem zurückkehren oder ihn nicht boykottieren, sobald sie auf eine vermeintlich ‚gute Quelle‘ zurückgreifen können, sind immer wieder zu vernehmen. (Man denke an Robert Marc Lehmann, der Wild nicht ablehnt, oder an Niko Rittenau.)
6.) Die Industrie ist sichtlich in der Rolle des Getriebenen. Kampagnen zur Image-Pflege, Transparenz-Offensiven einzelner Landwirte, Propaganda mit ‚Vorzeigebetrieben‘, das sogenannte Tierwohl-Label, Angriffe auf vegane Produkte und ihre Bezeichnungen etc. machen dies nur allzu offensichtlich. Es ist aus dieser Perspektive demnach vollkommen unklar, warum sich Fürsprecher der Tiere selbst um Reformen bemühen sollten, wenn doch allgemein zu vermuten und konkret aufzuzeigen ist, dass der bloße öffentliche Druck ausreicht, um die Industrie zu Anpassungen zu bewegen. Anders ausgedrückt: Ist nicht damit zu rechnen, dass die Reformen von selbst kommen, sobald die Industrie befürchtet, ihre Kunden aufgrund von Aufklärungskampagnen zu verlieren, sodass sich den Tieren gewidmete Organisationen darauf beschränken können, den öffentlichen Druck zu erzeugen?
7.) Dass Fürsprecher der Tiere selbst Kampagnen anstoßen, erscheint auch noch vor einem anderen Hintergrund als besonders bedenklich:
Die tierausbeutenden Industrien werden im Großen und Ganzen nur diejenigen Reformen in Erwägung ziehen, die wirtschaftlich sinnvoll erscheinen, die sich in puncto Öffentlichkeitsarbeit bzw. Image wirtschaftlich gewinnbringend nutzen lassen – und im Normalfall keinen Millimeter darüber hinaus. Ein Blick auf die Politik zeigt des Weiteren, dass der Lobbyeinfluss der Industrie so gewaltig ist, dass auch von dieser Seite aus nichts zu erwarten ist, was die Wirtschaftlichkeit der Tierausbeutung im Großen und Ganzen grundsätzlich herausfordert, auch wenn einzelne Landwirte das aufgrund finanzieller Herausforderungen anders sehen mögen.
Nimmt man nun die von SocialLab für das BMEL erhobenen Daten ernst, ergibt sich folgender zusätzlicher Anlass für Zweifel:
Laut SocialLab genießen Tierschutzorganisationen in der Bevölkerung erheblich mehr Vertrauen als der konventionelle Agrarsektor, als die Fleischbranche, als die Politik und als die Ernährungsindustrie allgemein. Wenn Organisationen, die Fürsprecher der Tiere sein wollen, die Reformen anstoßen, welche ohnehin von der Industrie wenigstens als langfristig wirtschaftlich sinnvoll eingestuft werden, dann muss davon ausgegangen werden, dass sie diesen Reformen aufgrund des ihnen entgegengebrachten Vertrauens einen vollkommen anderen Stellenwert verschaffen, als wenn sie von der Industrie oder der Politik selbst ausgehen.
Das heißt: Wenn die hier zur Diskussion gestellte Annahme zutrifft, dass die von entsprechenden Organisationen angestoßenen Reformen ohnehin kommen würden, solange der öffentliche Druck da ist, dann hätten diese Organisationen für die Tiere nicht nur keinen positiven Unterschied gemacht, sondern der Industrie womöglich noch dabei geholfen, ihre Kunden wieder zu beruhigen. Die Folge könnte sogar sein, dass die Industrie weniger verbessern musste, um wirtschaftlichen Schaden abzuwenden.
8.) Wann immer bestimmte Formen bzw. Methoden der Tierausbeutung in den Fokus genommen werden, besteht zumindest die Gefahr, zu suggerieren, dass andere Formen oder Praktiken der Ausbeutung schon ‚okay‘ seien, denn sonst stünden sie ja auch im Zentrum der Aufmerksamkeit. Zu befürchten ist, dass der Eindruck entsteht, dass es akzeptable Ausbeutung gibt, sodass also Stabilisierungseffekte möglich (und real beobachtbar) sind, die damit vergleichbar wären, was passiert, wenn Reformen vorgenommen werden, denn nun seien die größten Probleme doch schließlich adressiert.
9.) Es ist keineswegs pauschal klar, dass Reformen das Elend der Tiere in Bilanz verbessern. Dort, wo beispielsweise die ‚Produktivität‘ der einzelnen Tiere reduziert wird, ohne die Nachfrage zu senken, ist damit zu rechnen, dass fortan einfach mehr Tiere geringfügig weniger leiden und dass dementsprechend mehr Tiere gewaltsam aus dem Leben gerissen werden. Dasselbe gilt für den Fall, dass sich langfristige Stabilisierungseffekte einstellen oder dass Menschen aufgrund von Verbesserungen wieder zum Konsum von Tieren usw. zurückkehren.
10.) Vor dem Hintergrund, dass Organisationen, welche die modifizierte Tierschutzposition vertreten, häufig Koalitionen mit Tierausbeutern eingehen, ist zu befürchten, dass sie sich in den Augen der Öffentlichkeit selbst entwerten, dass sie weniger glaubwürdig für das Anliegen einstehen können. Dass solche Glaubwürdigkeitsdebakel keineswegs unrealistisch sind, zeigte der Fall „Initiative Tierwohl“, als sich die einzigen involvierten Tierschutzorganisationen bereits kurz nach dem Startschuss dazu genötigt sahen, das Projekt wieder zu verlassen. Man hatte etwas Falschem sein Gütesiegel gegeben und sich dabei ‚die Finger verbrannt‘. (Derartige Bedenken stehen selbstredend in einem Spannungsverhältnis zu 7.), aber da es hier lediglich um die Aufzählung potenziell denkbarer Nachteile geht, ist dies hier nicht von Belang.)
Wer auch nur einige dieser Punkte für plausibel hält, muss folglich zu dem Ergebnis kommen, dass Vertreter des ‚neuen Tierschutzes‘ gerade nicht der Beweislast entbunden sind, Empirie für ihre strategische Entscheidung vorzulegen, sobald sie behaupten, damit etwas in Bilanz Gutes für die Tiere zu leisten.
Was Vertreter dieser Position vorlegen müssten, wären folglich Studien, welche die Auswirkungen reformistischer und abolitionistischer Aktivismusformen unter Berücksichtigung des Ressourcenaufwands und sonstiger Einflussfaktoren miteinander vergleichen. Da derartige Studien indes nicht existieren und die Studienlage zu diesem Thema allgemein als ‚lausig‘ bezeichnet werden kann (vgl. Fonseca/Sanchez-Sabate 2022), verbieten sich demnach sämtliche Formulierungen, die einen Netto-Nutzen oder gar eine Überlegenheit von Reform-Kampagnen durch Fürsprecher der Tiere suggerieren oder behaupten. – Die von Vertretern des ‚neuen Tierschutzes‘ als Beleg angeführten Studien (zum Beispiel: Albert-Schweitzer-Stiftung, Kolumne: Reformen sind Verrat! Oder nicht?) sind methodisch vollkommen unzureichend und offenbaren eher einen eklatanten Mangel an Problemverständnis.
Ein wesentliches Defizit abolitionistisch orientierter Strategien ist darin zu erblicken, dass sich ihre Effekte nur schwer messen lassen, während Reform-Kampagnen bei Erfolg ‚harte‘ Resultate liefern. Hierin dürfte ein Grund dafür zu erblicken sein, dass reformistisch orientierten Akteuren der Vorwurf gemacht wird, dass sie ihre Strategie primär deswegen wählen, um an die Brieftaschen der ‚Tierfreunde‘ zu kommen.
Solche Angriffe sind ohne das Vorliegen interner Dokumente etc. als nicht belegbare Psychologisierungen zurückzuweisen und haben folglich im Diskurs nichts verloren, auch wenn sie dank Schlüsselfiguren der Szene, wie Gary Francione, omnipräsent sind.
Darüber hinaus ergibt sich aus den bisherigen Ausführungen der Hinweis an das ‚abolitionistische Lager‘, dass auch für diese Position keine belastbare Evidenz für die Überlegenheit bzw. größere Effizienz vorliegt, sodass eine gewisse Zurückhaltung zu empfehlen wäre. Der eingangs angesprochenen Korrelation (siehe 1.)) ließe sich letztlich auch eine nicht minder angreifbare, aber doch nicht ganz uninteressante Korrelation entgegenstellen: Es sind gerade die ‚westlichen‘ Länder mit den ‚höchsten‘ Tierschutzstandards, die auch parallel den größten Veganer-Anteil und in puncto Ernährung das größte Interesse an veganen Alternativen aufweisen. Aus dieser Perspektive scheinen Tierschutzreformen also nicht per se hinderlich zu sein.
Das Argument, das die abolitionistische Seite hingegen für sich beanspruchen kann, ließe sich so formulieren: Wenn wir schon nicht wissen, was strategisch am sinnvollsten ist, dann stützen wir uns wenigstens auf das, was auf prinzipieller Ebene richtig ist. Wir verzichten auf Formen des Aktivismus, die Tiere zu Opfern zweiter Klasse degradieren.
Nachtrag: Der Beitrag trägt Argumente dafür zusammen, dass von Tierschützern ausgehende reformistische Bestrebungen den Tieren mehr schaden als nützen könnten. Auch wenn die Forschungslage diesbezüglich dürftig ist, untermauern folgende Forschungsarbeiten, dass Skepsis gegenüber Reformansätzen angemessen sein dürfte (eine abschließende Bewertung erlauben sie indes nicht!):
Gross, Waldrop und Roosen 2021 (How does animal welfare taste?): Tierschutzbotschaften führen dazu, dass Konsumenten entsprechendes Fleisch für leckerer halten, obwohl sie dasselbe Fleisch in der Blindverkostung nicht von Fleisch aus konventioneller Mast unterscheiden können.
Jiang, Sharma, Bryant et al. 2021 (Animal welfare information affects …): Tierschutzbotschaften verbessern die geschmackliche Bewertung von Milch und führen dazu, dass Konsumenten mit ihrem Konsum zufrieden sind. Personen mit einem höheren Milchkonsum (!) stimmten Tierschutzbotschaften mehr zu als Personen mit geringerem Konsum.
Bruers 2024 (Animal-welfare-labelled meat is not a stepping stone …): Über bessere Mastbedingungen gewonnenes Fleisch scheint kein Zwischenschritt zum Aufgeben des Fleischkonsums zu sein. Wer ‚Tierwohl-Fleisch‘ kauft, ist weniger gewillt, weitere Schritte zu gehen; ‚Tierwohl-Fleisch‘ scheint den Fleischkonsum zu stabilisieren.
Autoren
Der hier veröffentlichte Text ist eine mit Genehmigung erfolgte Zweitveröffentlichung eines Beitrags, der auf dem Instagram-Account Tierethik & Veganismus hochgeladen wurde. Der Originalbeitrag und weitere Inhalte des Autors findet ihr auf seinem Instagram.
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