Ich Mensch, du Tier?!
Das bloße Mensch-Sein als Argument
TL;DR
Das bloße Mensch-Sein ist keine tragfähige Rechtfertigung dafür, andere Tiere grundsätzlich schlechter zu behandeln. Der Verweis auf die bloße Spezieszugehörigkeit stellt bei genauerer Betrachtung eine Form der Willkür dar, die wir in der Rolle des Betroffenen sofort als unzulässig zurückweisen würden. Ethisch relevant sind nicht Artgrenzen, sondern konkrete Eigenschaften wie das Haben von Interessen oder Empfindungsfähigkeit. Diese teilen wir uns jedoch mit anderen Tieren, sodass hinter der Berufung auf das Mensch-Sein am Ende nur das Recht des Stärkeren steckt.
Stellt das bloße Mensch-Sein, die Spezieszugehörigkeit, einen legitimen Grund dafür dar, eine harte Mensch-Tier-Grenze zu ziehen und Tiere fundamental schlechter zu behandeln?
Wer regelmäßig tierethische Diskussionen führt oder zum Beispiel Straßengespräche/Onlinedebatten von Aktivisten verfolgt, wird festgestellt haben, dass viele Menschen das Mensch-Sein für die entscheidende Eigenschaft halten, die es rechtfertigt, Tiere wie Rinder, Schweine, Hühner oder Mäuse fundamental schlechter zu behandeln.
Bedauerlicherweise ist regelmäßig zu beobachten, dass es Mitstreitern schwerfällt, diese Rechtfertigung klar und bestenfalls routiniert zu adressieren. Dies führt nicht selten dazu, dass Gespräche ab diesem Moment den roten Faden verlieren, wenig solide wirken, und dass Menschen in dem Glauben bestärkt werden, dass sie ihr Warum für die Schlechterbehandlung der Tiere gefunden hätten.
Darum ist es wichtig, die Gebrechen dieses Standardeinwands genau zu kennen.
1. Wir würden dieses ‚Rechtfertigungsmuster‘ in anderen Kontexten zu Recht nicht akzeptieren
Es ist von größter Bedeutung, sich in diesem Kontext stets zu vergegenwärtigen, was der Hintergrund dieses Warums ist. Die von Veganern bzw. allgemein von Tierethikern aufgeworfene Frage lautet: Warum sollte der Mensch ethisch eine Sonderstellung einnehmen, also fundamental und pauschal anders (= besser) behandelt werden als Tiere?
Die von solchen Menschen auf die Frage gegebene Antwort lautet: „Der Mensch nimmt eine ethische Sonderstellung ein, weil der Mensch ein Mensch ist.“
Wir würden so eine Antwort in anderen Kontexten nicht akzeptieren; wir würden woanders sofort sehen, dass eine solche Antwort nichts beantwortet:
“Warum ist der Ball rot?”
”Der Ball ist rot, weil der Ball rot ist.”
”Warum denkst du, dass man Frauen schlagen darf?”
”Man darf Frauen schlagen, weil Frauen Frauen sind.”
Wenn solche Antworten akzeptable Antworten wären, hätte man auch nichts mehr gegen Rassisten in der Hand:
”Warum denkst du, dass man Schwarze fundamental schlechter behandeln darf?”
”Weil Schwarze Schwarze sind.”
Wer ein solches ‚Begründungsmuster‘ akzeptiert, öffnet Willkür Tür und Tor und rechtfertigt auch seine eigene Schlechterbehandlung: „Warum quälst du mich so?“ „Weil du du bist!“
2. Das Mensch-Sein an sich ist keine ethisch relevante Eigenschaft
Wenn wir uns ehrlich der Frage stellen, warum wir ethisch berücksichtigt werden wollen, so zeigt sich, dass es nicht das Mensch-Sein an sich ist, das uns interessiert, aber das Mensch-Sein ist mit Eigenschaften verbunden, die dazu führen, dass wir uns ethische Berücksichtigung wünschen: Wir haben Interessen, deren Durchkreuzung als unangenehm empfunden wird, wir können leiden und wollen es normalerweise nicht, wir können Schmerzen empfinden und wollen in der Regel keine Schmerzen haben, … Kurz: Uns Menschen liegt aufgrund derjenigen Eigenschaften etwas an unserer ethischen Berücksichtigung, die auch bei Tieren vorliegen, obgleich der Umfang oder die Ausprägung nicht immer identisch ist.
Wer zu einem Gedankenexperiment bereit ist, möge sich die Frage stellen, ob man bereitwillig auf den eigenen Berücksichtigungsanspruch verzichten würde, wenn man morgen in einem nicht-menschlichen Körper aufwachen, sich aber ansonsten wie immer fühlen würde. Und: Wäre man nicht mehr an Schmerzvermeidung interessiert, wenn man morgen plötzlich in der Position eines Schweines in einer Mastanlage erwachte?
Wo das Mensch-Sein zum zentralen Kriterium der ethischen Berücksichtigungswürdigkeit erhoben wird, wird bewusst oder unbewusst eine für die Grundsatzfrage irrelevante Eigenschaft ins Zentrum gerückt.
3. Wir würden die Rechtfertigung über die bloße Spezieszugehörigkeit in der Opferrolle nicht für ausreichend halten
Eine weitere Möglichkeit, die Fragwürdigkeit dieses Warums zu verdeutlichen, stellt ein anderes simples Gedankenexperiment dar: Man versetze sein Gegenüber gedanklich in die Situation, dass die Menschheit von einer uns völlig überlegenen anderen Spezies (zum Beispiel von Außerirdischen) unterworfen wird. Sie hat keine Not, uns einzusperren, zu vermehren, auszubeuten und zu schlachten, da sie auch anders gut leben könnte, aber sie verschont uns nicht, weil Menschen nun einmal keine Mitglieder der Spezies X sind. Würden wir das für einen guten Grund halten, um uns so etwas einfach anzutun?
Wenn das Gegenüber dies redlicherweise verneint und sein Verhalten nicht ändert, nutzt es schlicht nur seine glückliche Lage aus. Es ist dann am Ende nicht mehr als das Recht des Stärkeren – ein Grundsatz, den wir sonst zu Recht aus unserer Alltagsmoral und Ethik verbannt haben. Was kann das Tier dafür, der falschen Spezies anzugehören?
Alternativ besteht die Möglichkeit, das Gegenüber gedanklich direkt in die Situation der ‚Nutztiere‘ zu versetzen, aber es besteht dann das Risiko, den Kern des hier gemachten Punkts direkt wieder aus dem Blick zu verlieren, da die ‚Herabwürdigung‘ der Tiere viel zu tief verwurzelt ist.
4. Menschen akzeptieren diese Logik schon heute bei vielen Tieren nicht
In den Fällen, in denen das Gegenüber ein Haustier besitzt, an dem es wirklich hängt, kann darauf aufmerksam gemacht werden, dass es nach dieser Logik auch keinen Grund gibt, geliebte Haustiere anders als ‚Nutztiere‘ zu behandeln. Sie würden dann nur indirekten Schutz genießen, weil Menschen unter der Tötung oder Quälerei leiden würden. Eine Schlussfolgerung, die viele Haustierbesitzer empört zurückweisen würden, da sie ihren Tieren eben doch direkten Schutzwert zusprechen. Haustiere verdienten für sich selbst, an sich, eine schonende, eine gerechte Behandlung.
Wo dies nicht der Fall ist, können Tiere herangezogen werden, die heute bereits für gewöhnlich deutlich anders betrachtet werden: Affen, Elefanten, Delfine usw. Dürfen wir mit ihnen machen, was wir mit ‚Nutztieren‘ treiben, weil sie nun einmal keine Menschen sind?
5. Das Kriterium des bloßen Mensch-Seins hat weitere absurde Folgen
Der Mensch ist das Ergebnis einer langen Evolution mit vielen Zwischenschritten. Wenn die Spezieszugehörigkeit an sich schon ein ausreichendes Kriterium wäre, dann müsste es auch in Ordnung sein, unsere artfremden, aber doch nahen Vorfahren wie ‚Nutztiere‘ zu behandeln, falls sie es irgendwo in Abgeschiedenheit, geographisch isoliert, geschafft hätten, bis heute zu überleben. Auch das ist eine Konsequenz, die im Normalfall dazu führen sollte, dass die Fragwürdigkeit dieser Antwort auf die von Veganern und Tierethikern gestellte Frage offensichtlich wird.
Die Last dieser Einwände sollte bei einem ehrlichen Gegenüber reichen, um das Gespräch wieder auf die Betrachtung ethisch tatsächlich relevanter Eigenschaften lenken zu können. Zu beachten ist jedoch, dass damit nicht mehr gewonnen ist, als dass die bloße Spezieszugehörigkeit als Kriterium kassiert ist. Logisch (!) ist noch nicht ausgeschlossen, dass es nicht doch andere Gründe dafür geben könnte, Tiere fundamental schlechter zu behandeln. Es ist folglich zu begreifen, welche Reichweite die hier präsentierte Betrachtung hat bzw. gerade nicht hat; die Ausführungen dieses Beitrags dürfen auch nicht dahingehend missverstanden werden, dass es nicht auch legitime Gründe dafür geben kann, Menschen in einigen Kontexten vorrangig zu berücksichtigen.
Autoren
Der hier veröffentlichte Text ist eine mit Genehmigung erfolgte Zweitveröffentlichung eines Beitrags, der auf dem Instagram-Account Tierethik & Veganismus hochgeladen wurde. Der Originalbeitrag und weitere Inhalte des Autors findet ihr auf seinem Instagram.
Wer eine Spende für den Autoren dalassen möchte, kann das gern hier tun.