What the use?! – Ist Tiernutzung ok?
TL;DR
Unter veganen Aktivisten wird regelmäßig diskutiert, ob die Nutzung von Tieren an sich verwerflich ist oder inwiefern es zumindest manchmal auf den Einzelfall ankommt. Dabei stützen sich die jeweiligen Positionen auf historische Dokumente der Vegan Society bzw. auf Äußerungen und Handlungen einzelner Mitglieder. Während eine Seite jede Nutzung zur Ausbeutung erklären möchte, wirft die andere fehlende Differenzierung, einseitige Auslegung der historischen Texte und Widersprüche zum Humanbereich vor.
Es ist eine Frage, an der sich so manche (veganen) Geister scheiden: Ist die Nutzung anderer Tiere immer als Ausbeutung einzustufen? Oder kann sie auch gerecht(fertigt) sein, obwohl Tiere nicht im üblichen Sinne konsens- und einwilligungsfähig sind?
Wer nach Antworten sucht, stößt schnell auf gegensätzliche Standpunkte. Und leider prallen deren Vertreter regelmäßig in hitzigen Streits aufeinander.
Vorab sei gesagt: Beide Positionen und Vertreter stützen sich auf historische Dokumente der Begründer und Schlüsselfiguren der Vegan Society.
Wer steht wo und wer sagt was?
Die eine Seite dieser Debatte vertritt den Standpunkt, dass die Nutzung anderer Tiere pauschal abzulehnen sei. Sie meint, dass jedwede Form der Nutzung gegen den Veganismus bzw. gegen zentrale Bestimmungen der Vegan Society verstoße. Grundlegende moralische Prinzipien oder zugesprochene Rechte würden dabei verletzt. Und werde nicht sämtliche Nutzung verworfen, ließen sich Probleme der Mensch-Tier-Beziehung nicht grundlegend lösen.
Der Gegenseite ist das zu undifferenziert und sie bemängelt neben dem fehlenden Raum für reale Graubereiche den einseitigen Umgang mit den historischen Dokumenten. Ihre Kritik: Die andere Position setze auf eine starre Grenzziehung (jede Nutzung = verwerflich), die in der Praxis zu Absurditäten führe und weder philosophisch noch durch die herangezogenen Texte ausreichend begründet sei. Stattdessen traut man den Menschen zu, differenziert und vernünftig abwägen zu können. Dazu gehört auch der gewissenhafte Umgang mit Graubereichen und Ausnahmen. Ein bloßes Entweder-Oder reiche nicht aus, wenn dadurch praktische Fragen unbeantwortet blieben.
Zu dieser Ansicht gehören etwa Fragen wie: Was ist, wenn es Nutzung gibt, der wir selber zustimmen würden, wenn wir in der Lage der Tiere wären, da sie z. B. anderen nützt, ohne unsere Interessen nennenswert zu verletzen? Wäre es wirklich richtig, eine solche Nutzung zu vermeiden oder zu verurteilen? Und schadet es am Ende nicht auch unserem grundsätzlichen Anliegen und seinem Image, so pauschale und praxisferne Grenzen zu ziehen, die darüber hinaus auch noch im Widerspruch zu den historischen Texten und dem Handeln derjenigen stehen, auf die man sich beruft?
Veganismus, Nutzung und Ausbeutung: Was wir wissen sollten
Leider erweisen sich die Ausführungen der Begründer und frühen Vertreter des Veganismus oft als widersprüchlich und im Detail als klärungsbedürftig. Es existiert nicht die eine Definition, nicht der eine Text, der alle Probleme und Widersprüchlichkeiten aufgelöst hätte. Auf den ersten Blick mag das nicht allzu relevant erscheinen, denn Definitionen sind so oder so an sich weder falsch noch richtig. Sie können nur im Hinblick auf eine bestimmte Zielsetzung mehr oder weniger zutreffend oder zielführend sein. Manche Definitionen spiegeln bewusst lediglich historische Auffassungen wider, andere bemühen sich um das Erfassen des zeitlosen Kerns einer Sache und andere gelten nur für einen bestimmten Kontext.
Dies bedeutet nicht, dass die Definition von Begriffen oder Dingen einfach willkürlich erfolgen sollte. Bestenfalls verwenden wir sie sinnvoll begründet und bewahren dabei eine gewisse Offenheit für andere Definitionen und ihre Begründungen.
Da der Veganismus keine bloße Privatangelegenheit sein sollte, sondern Veganer das Ziel verfolgen, eine gesamtgesellschaftliche Korrektur der ‘Mensch-Tier-Beziehung’ herbeizuführen, ist die hier zur Diskussion stehende Frage von großer Bedeutung. Denn: Von ihrer Beantwortung hängt es ab, welche Gestalt das korrigierte ‘Mensch-Tier-Verhältnis’ eigentlich genau haben soll. Wie wollen wir zielführend eine gesellschaftliche Anpassung fordern, wenn gar nicht klar ist, was eigentlich angestrebt wird?
Als Startpunkt der Betrachtung kann es hilfreich sein, die von der Vegan Society bis heute als gültig betrachtete Definition des Veganismus von 1979 heranzuziehen:
„[Der Veganismus] ist eine Philosophie und Lebensweise, die danach strebt, alle Formen der Ausbeutung von und Grausamkeiten gegenüber Tieren – soweit es möglich und praktisch durchführbar ist – zu vermeiden, sei es für die Ernährung, für Kleidung oder für irgendeinen anderen Zweck. [...]“
Um diesen Schlüsselsatz der Definition angemessen einordnen zu können, betrachten wir zunächst die Begriffe Ausbeutung und Nutzung in ihrer jeweiligen gängigen Bedeutung:
Ausbeutung bezeichnet üblicherweise eine ungerechte oder ungerechtfertigte Nutzung.
Nutzung liegt vor, wenn jemand ein Objekt oder ein Lebewesen in Anspruch nimmt, um ein bestimmtes Ziel zu erreichen. Der wesentliche Unterschied zum Begriff Ausbeutung besteht darin, dass mit dem Begriff Nutzung nicht schon eine negative moralische oder ethische Bewertung vorgenommen wird. Definitionen, die eine solche Wertung bereits einschließen, existieren, spielen allerdings eine untergeordnete Rolle.
Die entscheidende Frage sollte vor diesem Hintergrund also nicht lauten, ob Nutzung stattfindet, sondern ob sie gerechtfertigt oder gerecht ist. Eine Nutzung könnte vor allem dann als ungerecht(fertigt) gelten, wenn der Nutzen im Vergleich zu den verletzten Interessen unverhältnismäßig (gering) ist. Dafür kann es zum Beispiel aufschlussreich sein, wenn wir uns fragen, ob wir in der Position des Genutzten der Nutzung zustimmen, ob wir sie als verhältnismäßig hinnehmen würden oder nicht.
Viele Lebenshöfe oder Tierretter zeigen kranke oder verletzte Tiere, um der Öffentlichkeit wichtige Details zu erklären. Zum Beispiel für den Fall, dass andere Menschen selbst ein betroffenes Tier finden und helfen wollen. Dabei werden die Tiere als “Anschauungsobjekte” verwendet und häufig kurz zusätzlich gestresst. Die Tiere haben selbst nichts davon, sondern es besteht nur die Chance, damit anderen Tieren zu helfen. Es handelt sich hierbei folglich um einen klaren Fall von zweckgebundener Nutzung.
Auch wird stellenweise die anfallende Wolle von Schafen weiterverwendet statt weggeworfen oder Kuhmist als Dünger verwendet. Selbst in einer Ausgabe der Vereinszeitschrift räumte die Vegan Society die Möglichkeit ein, dass Bienen rücksichtsvoll zur Bestäubung genutzt werden dürften – und im Gegenzug Bienenstöcke oder anderweitiger Schutz als Teil eines quasi fairen Deals erachtet werden könnten.¹
In all diesen Fällen liegt eine Form der Nutzung vor: Die Tiere oder Dinge, die von ihnen stammen, werden zweckgerichtet in Anspruch genommen.
Diese Beispiele können uns dabei helfen, uns mit der Frage zu beschäftigen, ob jede intentionale Inanspruchnahme bereits ethisch problematisch oder als Ausbeutung einzustufen ist – oder ob unter bestimmten Bedingungen von einer gerechtfertigten, gerechten oder unproblematischen Nutzung gesprochen werden kann.
Da nun klar sein sollte, welches Problem in diesem Beitrag zur Diskussion steht, kann nun ein Blick auf die Position der Kritiker geworfen werden, die jede Nutzung strikt ablehnen.
Die strikte Pauschalposition (Nutzung = Ausbeutung. “Every use is abuse”)
Einige Veganer vertreten die Position, dass jede Nutzung automatisch Ausbeutung sei. Auch der prominente Tierethiker Gary Francione hat sich immer wieder (und inkonsistent) so positioniert.
Gemäß einigen Vertretern dieser Position wäre es bereits Ausbeutung, ein Tier für ein aufklärerisches Video zu verwenden, eine verlorene Feder aufzusammeln oder für Aufmerksamkeit gezielt mit dem Hund am Crush vorbeizuspazieren – selbst wenn das Tier offensichtlich keinen Schaden erleidet oder dem Geschehen gleichgültig gegenübersteht.
Zentral wird im Rahmen dieser Position auf Leslie Cross verwiesen. Cross war eine der Schlüsselfiguren der Vegan Society und vertrat angeblich eine klare Haltung bezüglich des Veganismus als Prinzip gegen jede Nutzung von Tieren.
Cross definierte Ausbeutung als die ‘Nutzung für eigene oder eigennützige Zwecke’; beispielsweise (“the act of using for selfish purposes”) in einer Fußnote zu einem seiner bekannteren Texte² oder im Rahmen zweier Reden, in denen Cross davon sprach, dass der Veganismus den Menschen vom falschen Glaube befreie bzw. das Problem der Ausbeutung auf der Idee basiere, dass der Mensch das moralische Recht habe, Tiere für seine Zwecke zu nutzen.³
Des Weiteren beruft man sich auf eine Meetings-Einigung der Vegan Society, in der das Ende der Tierausbeutung durch den Menschen als Ziel der veganen Bewegung benannt wurde. Dabei wird das Ende der Tierausbeutung als Ende der Nutzung von Tieren beschrieben, für beispielsweise Essen, Arbeit und Tierversuche – und jeder anderweitigen Nutzung, die Ausbeutung durch den Menschen beinhalte.⁴
Bemerkenswert ist, dass der Begriff der Nutzung dabei selten für sich steht:
Cross und andere Schlüsselfiguren der Vegan Society sprechen in der Regel weiterhin von Ausbeutung und verwenden Nutzung nicht synonym.
Lediglich zur Erläuterung von Ausbeutung wird stellenweise der Begriff der Nutzung herangezogen und erhält dabei für gewöhnlich den Zusatz “für egoistische Zwecke”.
Außerdem wird die Nutzung, wie gerade gesehen, meistens anhand bestimmter Praktiken konkretisiert oder mit dem Zusatz eingeschränkt, dass es um Nutzung ginge, die Ausbeutung beinhalte. Das deutet bereits darauf hin, dass Ausbeutung nur eine Unterkategorie von Nutzung ist. Folglich existieren neben der ungerechten Nutzung weitere Formen der Nutzung.
Unabhängig davon, dass die Vegan Society die pauschale Ablehnung sämtlicher Nutzung nicht zum zentralen Punkt des Veganismus erklärte, mag Cross’ Definition von Ausbeutung als Nutzung für egoistische oder eigene Zwecke auf den ersten Blick überzeugend wirken. Weder theoretisch noch in der Praxis ist jedoch ersichtlich, warum darin der entscheidende Punkt liegen sollte. Nur weil eine Handlung egoistisch motiviert ist, ist sie noch nicht automatisch falsch oder schädlich für andere. Wurden wir ausgebeutet, als unsere Eltern uns zum Einkaufen schickten? Oder der Busfahrer, wenn sich Jugendliche unbemerkt mit dem Skateboard am Bus festhalten und mitziehen lassen? Was sollte zum Beispiel aus Sicht einer Kuh auf einem Lebenshof problematisch sein, wenn man sie gezielt auf den Wiesen grasen lässt, die man sonst mähen müsste? Interessiert es das gerettete Schaf, ob wir seine anfallende Wolle wegwerfen oder als Dämmmaterial verwenden?
Zusätzlich zu der skurril wirkenden Ablehnung harmloser Handlungen, der unzureichend begründeten ethischen Aufladung von Begrifflichkeiten sowie den Widersprüchen in Praxisfragen sei zu erwähnen, dass eine solche Pauschalposition eventuell auch die Ausbildung von Tierärzten und Tierpflegern erschweren könnte, da praktische Demonstrationen an Tieren nur noch in akuten Notfällen und ohne zusätzliche Erklärungen stattfinden dürften. Die Versorgungsqualität in der Tiermedizin und -pflege könnte dadurch stark eingeschränkt werden.
Generell lässt sich bei Vertretern dieser Position beobachten, dass reale Graubereiche und Dilemmata (z.B. lebensnotwendige Medikamente, Wildtierrettung/-fütterung, …) im öffentlichen Diskurs kaum thematisiert werden und somit viele Fragen der Umsetzung unbeantwortet bleiben. Auch der Verweis, dass eine vegane Gesellschaft Lösungen dafür finden würde, liefert keine Anhaltspunkte für aktuelle Fragen.
Die Position ist in ihrer vermeintlichen Klarheit dadurch zwar leichter aufrecht zu erhalten, lässt Veganer aber mit gewissen Herausforderungen alleine:
Was sollten Betroffene laut dieser Position tun, wenn das einzige Medikament, das starke chronische Schmerzen lindern könnte, an Tieren getestet wurde oder tierische Bestandteile enthält?
Sollte man verletzte Wildtiere retten und pflegen, wenn man dafür kurzzeitig Insekten verfüttern müsste, oder sollte man sie dann sich selbst überlassen?
Darf man Peilsender an Vögeln befestigen, um Schutzgebiete zu bestimmen?
Wären diese Nutzungen von anderen Tieren Ausbeutung und im Sinne des Veganismus zu unterlassen?
Spätestens jetzt wird klar: Dieser Ansatz scheint der Komplexität des ethischen Problems nicht gerecht zu werden, da er keinen Raum lässt für differenziertes, moralisches Abwägen.
Das wiederum basiert häufig auf der unausgesprochenen Annahme, dass Menschen nicht dazu in der Lage seien, zwischen gerechter und ungerechter Nutzung zu unterscheiden, oder auf der Vorstellung, die innere Haltung, Tiere nutzen zu dürfen, wäre das zentrale Problem (und weniger die verletzten Interessen an sich). Das steht jedoch im Widerspruch zur Handhabe im Humanbereich (nähere Ausführung siehe unten). So halten wir es für legitim, Kinder zum Einkaufen zu schicken und die Hilfe anderer (teilweise auch ungefragt) in Anspruch zu nehmen, also einen Nutzen aus anderen zu ziehen – ohne dabei pauschal eine ausbeuterische Haltung zu unterstellen.
Die Ursprünge der oben beschriebenen Haltung finden sich – wenn auch teilweise sehr widersprüchlich – vor allem bei Leslie Cross. Schaut man nämlich, wie Cross und andere Schlüsselfiguren der Vegan Society mit Fragen zur praktischen Umsetzung des Veganismus umgingen, wird das Bild wesentlich nuancierter. Die Nutzung von Tieren beziehungsweise Tierprodukten wird mal als Ausbeutung abgelehnt und mal als zulässig erachtet. Daher gibt es auch heute viele Vertreter einer eher differenzierten Position, die zwar Ausbeutung klar ablehnen, aber nicht in jeder Nutzung eine ausbeuterische, unvertretbare Handlung sehen
Die differenzierende Position (Ausbeutung ∈ Nutzung. “Es kommt drauf an.”)
So argumentierte Donald Watson, Mitbegründer der Vegan Society und zentrale Person der ersten Jahre, in frühen Ausgaben der Vereinszeitschrift, dass Honig ausgeschlossen werden müsse, weil seine Produktion Ausbeutung beinhalte. An anderer Stelle räumte er ein, dass es theoretisch möglich wäre, (überschüssigen) Honig unter vertretbaren Bedingungen zu gewinnen. Das Problem sah er jedoch darin, dass sich keine klare Grenze ziehen lasse: Wenn man Honig unter verbesserten Bedingungen zulasse, müsse man konsequenterweise auch über vertretbare Milchgewinnung diskutieren.⁵
Auch räumt Watson ein, dass es in einer veganen Welt weiterhin innerhalb gewisser Grenzen Haustiere geben könne, und Kinder damit nicht auf den wertvollen Umgang mit Tieren verzichten müssten.⁶ Zugleich stellte Watson klar, dass der Verzicht oder Boykott von Tierischem nicht zu einem Selbstzweck werden dürfe. Sinngemäß erklärte er, der Veganismus werde zu einem Fetisch, wenn etwas nur deshalb abgelehnt werde, weil es tierischen Ursprungs sei. Entscheidend sei nicht die bloße Herkunft, sondern ob Ausbeutung vorliege.⁷
Auch bei Cross zeigte sich neben den oben erwähnten theoretischen Ausführungen, dass er die Frage der Nutzung in der Praxis nicht so eindeutig verneinte. Als seine Tochter im ersten Lebensjahr Probleme mit der Aufnahme von Pflanzenmilch entwickelte und abmagerte, wurde sie in ärztlicher Behandlung unter anderem mit Kuhmilch gefüttert, um das Überleben des Kindes zu sichern. Auch über den klinischen Aufenthalt hinaus entschieden sich die Eltern, ihr für weitere zwei bis drei Monate Kuhmilch zu geben. Selbst hier fand also eine Form der Nutzung statt – vor dem Hintergrund existenzieller Notwendigkeit. In diesem Rahmen bezeichnete Cross den Veganismus auch als “incomplete”, da er nicht die ganze Lebensspanne eines Menschen abdecken könne.⁸
Auch wenn wir uns (theoretisch) zum Ziel setzten, sämtliche Nutzung abzuschaffen, bleibt die Begründung für eine völlige Unterlassung jeglicher Nutzung lückenhaft. Das gilt sowohl im Hinblick auf historische Dokumente als auch auf praktische Fragestellungen. Sie ließe sich am ehesten noch durch ein Vorsichtsprinzip oder ein Dammbruchargument stützen, welches in der Regel aber nicht vorgebracht und entsprechend begründet wird.
Ein ähnlich differenziertes Bild ergibt sich, wenn wir vergleichbare Kontexte in der Humanethik betrachten. Gerade Vertreter der differenzierenden Position achten regelmäßig darauf, dass das, was im Rahmen des Veganismus gefordert wird, konsistent dazu ist, was für uns auch im Umgang mit schutz- oder betreuungsbedürftigen Menschen, etwa Kindern oder alten Menschen, gilt oder erstrebenswert wäre.
Konsistenz-Test: Der Humanbereich
Der § 40 Abs. 4 Nr. 4 des Arzneimittelgesetzes zum Beispiel erlaubt unter strengsten Voraussetzungen klinische Prüfungen an Minderjährigen, die teilweise nicht einwilligungsfähig sind. Risiken und Belastungen müssen minimal sein, sorgfältig abgewogen und kontinuierlich überwacht werden. Auch hier liegt eine Form der Nutzung vor – jedoch unter klar definierten Schutzbedingungen. Sie gilt nicht automatisch als moralisch verwerflich, sondern als unter bestimmten Umständen gerechtfertigt.
Warum sollte eine differenzierte Bewertung im Humanbereich möglich sein, im Hinblick auf den Umgang mit Tieren aber grundsätzlich ausgeschlossen werden? Das wäre, sofern beabsichtigt, eine (vermeintliche) Besserstellung von Tieren gegenüber dem Menschen und müsste entsprechend begründet werden. Angesichts der zuvor erwähnten Einschränkungen in der Tiermedizin und -pflege wäre eine grundlegende Unterlassung gleichzeitig auch mit negativen Folgen für viele Tiere verbunden.
Die Gefahr begrifflicher Verwässerung
Eine pauschale Gleichsetzung von Nutzung und Ausbeutung birgt zudem die Gefahr, die begriffliche Schärfe von Ausbeutung zu verlieren. Wenn jede Form der Nutzung – von der Tötung im Schlachthof über die tierärztliche Bildung bis hin zum Sammeln von Federn – gleichermaßen als Ausbeutung bewertet (und abgelehnt) wird, verschwimmen die Unterschiede zwischen systematischer Gewalt, verantwortungsvoller Interaktion und Belanglosigkeit.
Wenn für die Vegan Society Nutzung und Ausbeutung dasselbe gewesen wären, warum wurde dennoch (auch Jahre nach den erwähnten Äußerungen von Cross) überwiegend von Ausbeutung gesprochen? Auch Cross selbst sprach immer wieder über das Leid, das Töten und andere Grausamkeiten (statt lediglich darüber, dass jede Nutzung problematisch und daher zu unterlassen wäre).³⁺⁹ Warum wurde über die Vertretbarkeit der Gewinnung von Eiern, Milch oder Honig gesprochen, wenn die Nutzung per se das Problem sein sollte? Warum über das Wie und die resultierende Lebensrealität der Tiere diskutieren, wenn doch bereits das Ob, also die Nutzung an sich bzw. die innere Haltung und Absicht der Menschen entscheidend wäre?
Schlussbetrachtung
Im Kern lässt sich (wohlwollend) vermuten, dass die Vertreter der strikten Pauschalposition die ethische Schieflage in der verbreiteten Mensch-Tier-Beziehung möglichst tief an der Wurzel angehen möchten – ohne Nutzung kein Missbrauch. Die Idee, andere Tiere zu nutzen, sollte daher grundlegend verworfen werden, um keinen Platz für etwaige Schlupflöcher zu lassen.
Doch eine solche pauschalisierende Vorsichtshaltung sollte sowohl entsprechend benannt als auch sorgfältig begründet werden. Insbesondere vor dem Hintergrund der Inkonsistenz zum Humanbereich und der potenziellen negativen Effekte aufgrund der undifferenzierten Betrachtung dürfte das schwer sein.
Eine solche Position wirkt zudem auf manche Außenstehende und Menschen, die Lebenshöfe betreiben oder im aktiven Tierschutz arbeiten, erfahrungsgemäß realitätsfern bis lächerlich.
Wir sollten uns also weniger fragen, ob Nutzung allgemein inakzeptabel und unstatthaft ist. Viel wichtiger ist die Frage, unter welchen Bedingungen sie zur Ausbeutung wird. Ab wann liegt tatsächlich ein klarer Fall von Unrecht vor, den es zu beseitigen gilt – und den wir vor allem auch aus Sicht der Tiere plausibel aufzeigen können?
In jedem Fall sollte klar sein: Die beiden Positionen setzen zwar begrifflich bzw. theoretisch unterschiedlich an, verfolgen aber an sich und in der Praxis weitgehend dasselbe Ziel: Die Ausbeutung von Tieren durch den Menschen muss beendet, und Tiere endlich als die anerkannt werden, die sie sind – empfindungsfähige Lebewesen mit eigenen Persönlichkeiten und Bedürfnissen, die wir entsprechend zu beachten haben.
Quellen
The Vegan Vol. 2 No. 1, 1946, S. 8
‘In Search of Veganism – 2’ The Vegan Vol. 5 No. 3, 1949, S. 16
‘An Address to the World Congress of Animal Welfare Societies’, The Vegan Vol. 9 No. 10, 1954, S. 5 f. und ‘The Vegan Story’, The Vegan Vol. 9 No. 7, 1955, S. 17 f.
The Vegan Vol. 7 No. 1, 1951, S. 2 bzw. Veganism Defined, Vegetarian World Forum No.1 Vol.5, 1951, S. 6 f.
The Vegan News No. 3, May 1945, S. 4 f.
The Ve gan Vol. 4 No. 1, 1948, S. 13
The Vegan Vol. 4 No. 3, 1948, S. 11 f.
The Vegan Vol. 11 No. 3, 1946, S. 7 ff.
The Vegan Vol. 4 No. 2, 1948, S. 6 ff.